Neuland Internet: Hinkt Deutschland wirklich so weit hinterher?

In diesen Tagen macht eine Studie die Runde, die lange gehegte Befürchtungen bestätigt: Das Internet ist für die viele Deutsche Neuland. Diese Aussage passt scheinbar so gut in unsere Erwartungshaltung, dass sie niemand mehr reflektiert. Dabei handelt es sich bei der „Studie“ eigentlich um eine Umfrage, deren Wert gegen Null tendiert.

Wir Deutsche sind Fans von Zahlen. Sie begegnen uns jeden Tag in unterschiedlichsten Formen. Es fängt an mit der Uhrzeit, die viele von uns morgens als erstes Zeichen des Wachseins mit dem Blick auf den lärmenden Wecker wahrnehmen. Und schon hier fängt das Dilemma an. Wir schauen gar nicht mehr wirklich auf den Wecker, denn die eingestellte Uhrzeit ändert sich ja nicht von alleine, wir vertrauen ihr einfach. Was in diesem Fall meist auch gut klappt, unser Wecker betrügt uns nur selten. Anders sieht es dagegen aus, wenn wir den Zahlen rücksichtslos vertrauen, die uns im Laufe des Tages immer wieder präsentiert werden. Gemeint sind hier vor allem Statistiken.

„Traue keiner Statistik, die du nicht selbst gefälscht hast“! Diesen legendären Ausspruch, der oft unbelegt Winston Churchill zugeschrieben wird, kennt fast jeder. Doch wenn eine Statistik das belegt, was wir eh als Erwartungshaltung mit uns herumtragen, scheint der gute Churchill einfach nicht mehr durchdringen zu können. Daher formuliere ich das jetzt mal um:

Traue keiner Statistik, die für eine klickstarke Überschrift taugt!

Traue keiner Statistik, die für eine klickstarke Überschrift taugt!
Traue keiner Statistik, die für eine klickstarke Überschrift taugt!

Warum man Studien grundsätzlich skeptisch gegenüber sein sollte, wenn die daraus abgeleiteten Schlagzeilen sehr klickstark sind, hatte ich bereits hier geschildert: Facebook ist in drei Jahren tot oder warum Studien kaputt sind. Jetzt gibt es ein neues Beispiel, das fast noch besser ist.

Zahlen sind keine Fakten

Eigentlich hat die EU-Statistikbehörde Eurostat lediglich eine Umfrage durchgeführt, doch daraus wurde dann schnell eine „Eurostat-Studie“. Nagelt mich jetzt nicht auf die korrekten Definitionen von Umfragen und Studien fest, aber eine Befragung, bei der die Befragten auf beliebig zusammengestellte Fragen mit einer Selbsteinschätzung antworten, deren Sinnhaftigkeit keiner Plausibilitätsprüfung unterzogen wurden, sollte nicht als Studie bezeichnet werden und möglichst gar nicht erst veröffentlicht werden, schon gar nicht von einer EU-Statistikbehörde.

Dazu kommt noch, dass es keinerlei Angaben über die befragte Stichprobe gibt:

  • Wie viele Personen wurden befragt?
  • Wie wurden die Befragten ausgewählt?
  • Wie setzen sie sich zusammen (Alter, Geschlecht, Bildungsgrad, Einkommen…)?

Ohne diese Angaben ist die Umfrage leider nicht überprüfbar und ihre Ergebnisse ohne jeden wert. Doch auch die gestellten Fragen sind alles andere als glücklich gewählt. Damit ihr einen besseren Eindruck bekommt, hier die gestellten Fragen.

Können Sie:

  1. eine Suchmaschine verwenden?
  2. E-Mails mit Anhang versenden?
  3. sich an Diskussionen in Newsgroups, Chaträumen oder Foren beteiligen?
  4. das Internet zum Telefonieren verwenden?
  5. Filme, Musik u.a.per Filesharing mit anderen tauschen?
  6. eine Webseite einrichten?

Wer von diesen Fragen selbsteingeschätzt 1-2 Aktivitäten bereits ausgeführt hat, dem wird ein niedriges Niveau von Internetkenntnissen bescheinigt. Bei 3-4 ist es ein mittleres Niveau und 5-6 Bejahungen ergeben ein hohes Niveau. Für Deutschland ergibt sich im Vergleich zum europäischen Ausland laut der Umfrage von EU-Stat folgendes Bild:

Infografik: Internet für viele Deutsche tatsächlich Neuland | StatistaMehr Statistiken finden Sie bei Statista

Wir sind also mal wieder das Schlusslicht. So weit, so gut, aber sind das wirklich die richtigen Fragen, um Rückschlüsse auf die Internetkenntnisse ziehen zu können? Die erste Frage passt, die zweite auch noch, aber der Rest ist meiner Meinung nach dafür nicht geeignet. Newsgroups und klassische Chats sind heute ungefähr so populär wie MySpace oder StudiVZ, Foren sind zwar noch immer relevant, aber viele Nutzer wissen gar nicht, dass sie sich gerade in einem Forum bewegen. Das trifft auch auf die vierte Frage zu. IP-Telefonie ist in vielen Kombipaketen aus Internet & Telefonie enthalten, nur wissen das viele Konsumenten gar nicht. Müssen sie aber auch nicht, denn für das Telefonieren an sich ist das völlig unerheblich. Die Frage 5 ist dann schon fast eine Kopf-Tisch-Frage und könnte auch lauten: Benutzen Sie das Internet für illegale Downloads? Wie würden da wohl die Antworten ausfallen? Wir ahnen es…

Frage 6 hört sich sinnvoll an, ist es meiner Meinung nach aber nicht. Man würde auch nicht auf die Idee kommen, Autofahrer danach zu fragen, ob sie sich ihr Auto selbst gebaut haben. Ja, okay, der Vergleich hat einen platten Reifen, aber auch damit kommt man noch vorwärts. Ich halte es zumindest nicht für eine Basiskompetenz, dass sich jemand selbst eine Website einrichten kann. Einverstanden?

Was wären denn die richtigen Fragen?

Vielleicht passen die Fragen auch schon deshalb nicht mehr, weil es diese Umfrage seit 2005 gibt und sich die Fragen nicht verändert haben? Was wären denn heute angemessene Fragen? Lasst uns da gerne mal was zusammentragen, das dann etwas mehr Substanz hat. Die ersten beiden Fragen könnten wir dabei auch stehen lassen. Ergänzen würde ich beispielsweise noch Fragen zur Nutzung wie:

  • Nutzen Sie Soziale Netzwerken?
  • Kaufen Sie in Online-Shops ein?

Grundlegend müsste man vor der Befragung auch noch sicherstellen, dass die Befragten auch einen Internetzugang haben und zu den Onlinern gehören.

Was fallen euch noch für sinnvolle Fragen ein?

Fazit: Studien sind das wahre Neuland

Bevor man sich mit den Ergebnissen einer Studie oder einer Umfrage eingehender beschäftigt und seine Schlüsse daraus zieht, sollte man immer einen genauen Blick auf das Design der Studie/Umfrage werfen. Schaut einfach kritisch auf das, was da an Daten erhoben wurde und überlegt euch, ob das sinnvoll ist. Solltet ihr daran Zweifel haben, lasst die Studie links liegen, dann taugt sie nichts.

In Bezug auf die Eurostat-„Studie“ könnte man einwenden, dass der Ländervergleich ja trotz der wenig sinnvollen Fragen valide ist, da in allen Ländern die gleichen Fragen gestellt wurden. Das mag so sein, ist aber schwer zu beurteilen. Ein Beispiel: Die Deutsche Telekom will in einigen Regionen die Telefonie komplett auf IP-Technologie umstellen. Auch wenn sich die Internetgeschwindigkeit dadurch erhöht und die Tarife in der Regel sogar günstiger werden, warnen Verbraucherzentralen vor „neuartigen Problemen“. Die anschließende Beschwerdewelle der Telekomkunden zeigt sehr schön, dass diese Technologie in Deutschland noch nicht voll akzeptiert ist. Was das aber mit Internetkenntnis zu tun hat, erschließt sich mir nicht. In anderen Ländern kann die Akteptanz ganz anders aussehen, so dass allein diese Frage den Vergleich verfälscht. Zumal es auch nur 6 Fragen sind – für einen internationalen Vergleich eine sehr dünne Datenlage.

Die zum Teil düsteren Zukunftprognosen für das Internet-Deutschland teile ich nur auf Basis dieser Zahlen jedenfalls nicht. Und ihr?

 

Bild: Dennis Skley, Flickr

2 Gedanken zu „Neuland Internet: Hinkt Deutschland wirklich so weit hinterher?“

  1. Hallo Falk,

    schön, dass du dieses Thema aufgreifst und auseinander nimmst 🙂

    Zu dem vermeintlichen Churchill-Zitat hab ich letztens noch einen interessanten Dreh kennen gelernt. Es war wohl Göbbels bzw. das Reichspropaganda-Ministerium, der es Churchill in den Mund gelegt hat ;p

    Zur Studie: Ja, es ist vielleicht nicht alles astrein und bis zum bitteren Ende durchdacht, die notwendige Komplexität und Aktualität fehlt sicherlich auch, keine Frage – allerdings ist es doch eine einfache und schnelle Form, die sich dazu geeignet mal auf die Schnelle abzufragen – auch im eigenen Bekanntenkreis. Und ich denke das funktioniert sogar recht gut – einfach mal mit dem Onkel oder der Oma testen – ob dann die Skala so einigermaßen hinhaut. Und was hier auch zählt – es wurde einfach mal Länderübergreifend abgefragt und ist auch pi-mal-daumen gut vergleichbar.

    IP-Telefonie: Ich glaub, wer sich darüber bewusst ist, dass er mit seinem Telefon grad über IP spricht – der hat sicherlich schon einen größeren Einblick. Die meisten werden sich nur wundern, warum zwischen der letzten Wahltaste und dem Freizeichen so viel Zeit vergeht, ohne zu wissen warum das so ist.

    Und P2P: Mmh auf den ersten Blick sicherlich schon, aber das Anwendungsfeld ist ja im legalen Bereich auch breit.

    Website: Du findest das nicht als Basiskompetenz wünschenswert?

    Deutschland auf dem letzten Platz finde ich ehrlicherweise schon sehr plausibel, bei unserer demographischen Bevölkerungsstruktur, diesen elendigen Google Streetview-Debatten oder glorreichen Gesetzes-Iniativen wie das Leistungsschutzrecht. Und wenn man mal von der schlechten Glasfaser/(V)DSL/UMTS/LTE-Abdeckung und der damit einhergehenden niedrigen Bandbreite in vielen Teilen Deutschlands ausgeht, ist für mich der letzte Platz auch kein Wunder. 50 Mbit-Ausbau bis 2018 in ganz Deutschland Down (nicht Up! – Up wird nicht mal erwähnt) – das ist das „hochgesteckte“ Ziel der Bundesregierung mit der digitalen Agenda – na Gute Nacht Deutschland (man schaue mal in den Norden nach Schweden oder Island – und guck mal wohin dort 1Gbit-Anschlüsse heute schon gelegt werden). Da bleiben wir auch leider Schlusslicht. Das wird nichts mit aufkeimenden Google oder Facebook-Alternativen, so wie sich das Deutschland vorstellt.

  2. Auch die von Dir vorgeschlagenen offenen Fragen würden keinen Erkenntnisgewinn bringen. Man kann mit einem guten Fragebogen und begleitenden Analysen gute Studien erstellen. Etwa in der Kombination von qualitativer und quantitativer Empirie. Wichtig sind Analyse- und Testfragen, um indirekt Kenntnisse über das Internetwissen der Bevölkerung herauszufinden. Also Korrelationen, die Auffälligkeiten erbringen.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.